Stühle von Konstatin GrcicIn Kunststoff gegossene CAD-Files
Mit seinen Stühlen Chair_one, Miura und Myto hat der Münchner Konstatin Grcic sowohl produktionstechnisch als auch gestalterisch neue Maßstäbe gesetzt.
Mit seinem Chair_one hat der Münchener Designer Konstatin Grcic eine der wichtigsten Designikonen der Gegenwart geschaffen. Die italienische Firma Magis produziert den Stuhl seit dem Jahr 2004 und hat in Zusammenarbeit mit Grcic mittlerweile eine komplette Produktfamilie bestehend aus Tischen, Stühlen und Hockern entwickelt. Der Chair_one ist für Grcic ein bedeutender Schritt gewesen. Er hatte bis dahin mit vielen rennomierten Firmen zusammengearbeitet, darunter Authentics, Flos, Krups, Lamy oder Muji. Seine Arbeiten waren weltweit beachtet. Die für die italienische Forma Flos entworfene Lampe Mayday hat das New Yorker Museum of Modern Art in seine ständige Sammlung aufgenommen. Im Bereich des Möbeldesigns hatte Grcic für die Firmen Moormann oder ClassiCon bereits einige Möbel entworfen, allerdings immer nur in einer relativ kleinen Auflage. Von dem Chair_one stellt die italienische Firma Magis circa 30.000 Stück im Jahr her. Ein hochwertiges Designmöbel in einer so hohen Stückzahl zu produzieren, ist ein großes Risiko für die Firma. Deshalb dauerte die Entwicklung des Chair_one auch drei Jahre. Der Designer war dabei von Anfang an in einen stark industriell geprägtem Kontext eingebettet. Es ging nicht nur darum, ein paar verrückte Ideen zu entwickeln, sondern auch, sich mit Fragen des Materials und dessen Verarbeitung zu beschäftigen. Hinter GitternBei dem Chair_one hat sich Konstantin Grcic für ein Aluminium-Druckguss Verfahren entschieden. Das ermöglicht ihm nicht nur die industrielle Fertigung des Produktes, sondern auch eine konsequent einfache Gestaltung. Der Stuhl ist in seiner vierbeinigen Variante nur aus einem Material gefertigt und verwendet nur eine Farbe. Da das Material Aluminium teuer ist, dematerialisiert Grcic die Form und wählt eine Gitterstruktur als Sitzschale. Die Gitterstruktur hat einen weiteren praktischen Vorteil. Der Chair_one soll vor allem im Außenbereich eingesetzt werden. An der materialarmen Gittersitzschale verfängt sich nur wenig Schmutz und das Regenwasser läuft problemlos daran ab. Die Gitterstruktur scheint derzeit das Gestaltungsprinzip überhaupt zu sein. Prominente Beispiele sind das Olympiastadium in Peking, gebaut von den Schweizer Architekten Herzog & De Meuron oder auch die Fassaden der Bibliothek in Seattle des holländischen Pritzker-Preisträgers Rem Koolhaas. Beide Architektenbüros arbeiten im Bereich der Inneneinrichtung mittlerweile vielfach mit Grcic zusammen. Die Gestaltung aufwändiger Gitterstrukturen ist auch das Ergebnis von Gestaltungsprozessen am Computer. Grcic hat immer betont, dass er den Chair_one ohne den Einsatz moderner CAD-Technik nicht hätte entwerfen können. Technik ist bei Grcic nicht nur ein Produktions-Faktor, sondern verschafft ihm auch eine gestalterische Freiheit. Die bei dem Chair_one entwickelten Prinzipien hat Grcic konsequent weiter entwickelt. Der 2005 erstmals von der Firma Plank produzierte stapelbare Stuhl miura ist mittlerweile ebenfalls in Sammlung des New Yorker Museums of Modern Art aufgenommen. Es gibt wie beim Chair_one eine Produktfamilie mit Stühlen, Hockern und Tischen. Das Prinzip „ein Material, eine Farbe, eine Idee“ findet sich ebenfalls wieder. Der Miura ist im Spritzgussverfahren aus Polypropylene gefertigt. Er fällt in einem Stück aus der Gussform und muss nicht mehr lackiert werden. Neue DesignfreiheitIn Zusammenarbeit mit der deutschen Firma BASF und dem italienischen Möbelproduzenten Plank hat Grcic auf der Möbelmesse in Mailand 2008 einen weiteren Stuhl vorgestellt: den Myto. Die Besonderheit beim Myto ist dessen Material. „Die filigrane Struktur und Festigkeit des Stuhls sind durch dieses Material erst möglich geworden“, sagt Konstantin Grcic. „Es gibt mir eine ganz neue Freiheit für das Design.“ Das Sitzmöbel besteht vollständig aus dem neuen Spritzgusskunststoff Ultradur® High Speed. Dem Werkstoff sind Nanopartikel beigemischt. Dadurch fließt er in geschmolzenen Zustand doppelt so weit wie herkömmlicher Kunststoff und kann bei wesentlich geringeren Temperaturen verarbeitet werden. Bauteile aus Ultradur® High Speed sind sowohl kostengünstiger als auch energieeffizienter. Der Myto Stuhl trägt deshalb das Ökoeffizienz-Siegel. Alle Entwürfe Grcics sind das Resultat eines digitalen Modellierens. Die digital entwickelten Formen und Strukturen können nur dann realisiert werden, wenn auch Materialien mit neue Eigenschaften der Festigkeit und der Formbarkeit entwickelt werden. Derzeit möchte Grcic einen Stuhl für unter 100 Euro entwerfen. Dafür experimentiert der Designer mit Holz und untersucht neue Möglichkeiten der Schicht-Verleimung und der Formbarkeit von Holz. Grcic setzt in seiner Kompromisslosigkeit immer wieder Maßstäbe. Es gelingt ihm als einer der wenigen zeitgenössischen Designer über schon da Gewesenes hinaus zu gehen und eine eigenständige, vollkommen neue Formensprache zu finden.
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